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Klartext 02 – Arbeitszeit

9. Juni 2017

Klartext 02 – Arbeitszeit

Brutaler Lohnraub und weniger Lebensqualität

von Bettina Csoka

Die aktuelle Arbeitszeitstudie des Wirtschaftsforschungsinstituts WIFO widerlegt die Mähr von der angeblichen Starrheit bei der Arbeitszeit. Dennoch scheint die Propaganda der UnternehmerInnn zu wirken.

„Während des Experiments hatte das gesamte Personal mehr Energie. Ich konnte sehen, dass jede/r glücklich war“, sagt die 26-jährige Emilie Telander, Hilfspflegekraft eines Göteborger Altenheims, zur BBC. Das Stadtparlament an der schwedischen Süd-Ostküste verkürzte die Voll-Arbeitszeit auf sechs Stunden pro Tag, verbunden mit einem Ausgleich beim Lohn und 15 zusätzlichen Pflegekräften. Der Arbeitsdruck wurde weniger, die Beschäftigten wurden seltener krank und hatten mehr Zeit für die zu Pflegenden. Initiiert wurde das für zwei Jahre geplante Experiment von der schwedischen Linkspartei unter Federführung des Kommunalpolitikers Daniel Bernmar, der Mitte Jänner 2017 auf Einladung von AK und Gewerkschaften an der Linzer Arbeitszeitkonferenz „Unsere Arbeit. Unsere Zeit.“ teilnahm.

Positive Langfristeffekte

Und nun? Die bürgerlichen Parteien und auch die sozialdemokratische Bürgermeisterin Göteborgs werden das Projekt aus Kostengründen nicht weiterführen. Dabei wurden die im Zuge von Arbeitszeitverkürzung und Personalaufstockung entstehenden Ausgaben (rund 630.000 Euro pro Jahr) etwa zur Hälfte durch den zehnprozentigen Rückgang von Krankenständen und Ausfallszeiten kompensiert. Positive Langfristeffekte, wie eine geringere Arbeitslosigkeit, noch nicht mit eingerechnet. Wie geht es Emilie damit? „Ich fühle mich viel müder als vorher“, sagt sie. Sie habe nun weniger Zeit zum Kochen oder Lesen mit ihrer vier Jahre alten Tochter. Ein Fazit des Linkspolitikers Bernmar ist, dass die Nachhaltigkeit einer Arbeitszeitverkürzung die Kooperation mehrerer Ebenen brauche, von der Kommune bis zum Bund.

 

„Ein 12-Stunden-Tag ist unsozial und ungesund“

 

Das Thema Arbeitszeit ist hierzulande unter dem Schlagwort der Flexibilisierung Gegenstand politischer Debatten. Bundeskanzler Kern fordert im „Plan A“, den er im Jänner vorgestellt hat, die Einführung eines Rechts auf Wahlarbeitszeit, was die Arbeitenden zeitsouveräner machen würde. Er will aber auch die Ausdehnung der Höchst-Tagesarbeitszeit auf 12 Stunden bei Gleitzeit. In dem nur wenige Tage später präsentierten Arbeitsprogramm der Regierung werden die Sozialpartner aufgefordert, sich auf Flexibilisierungsmaßnahmen zu einigen, die die Interessen von Unternehmen und Arbeitenden berücksichtigen.

 

„Bereits jede/r Zweite in Österreich arbeitet abweichend von ,typischen‘ Arbeitszeiten“.

 

Bereits jede/r Zweite in Österreich arbeitet abweichend von „typischen“ Arbeitszeiten, nämlich im Schichtbetrieb, am Abend, in der Nacht oder am Wochenende. Und das Arbeitszeitrecht ermöglicht bereits 12-Stunden-Tage. ÖVP, Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung fordern aber Ausweitungen inklusive Ausdehnung des Durchrechnungszeitraums. Mitbestimmung von Betriebsrat und Gewerkschaft sowie Überstundenzuschläge wären dann wohl passé. Dauerhaft langes Arbeiten ist unsozial und gesundheitlich belastend und daher abzulehnen. Das Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO warnt davor, 12-Stunden-Tage ohne speziellen Bedarf und ohne Betriebsvereinbarung auf alle auszuweiten, weil dies Ältere und Frauen am Arbeitsmarkt noch mehr belasten und benachteiligen würde.  Nur mehr ständig Verfügbare und die Fittesten können da noch mithalten.

Legalisierter Lohnraub

Roman Hebenstreit, Vorsitzender der Gewerkschaft benennt die Absichten: Es geht um rücksichtslosen Zugriff auf die Lebenszeit der Arbeitenden, und zwar ohne dafür zu bezahlen, also um brutalen Lohnraub. Und das noch dazu milliardenschwer. Setzt sich die profitgesteuerte Seite durch, dann würden die derzeit mehr als 250 Millionen (2015) geleisteten Über- und Mehrarbeitsstunden von vornherein nicht mehr als solche gelten. Den lohnabhängig Beschäftigten würden Zuschläge in Höhe von geschätzt rund zwei Milliarden Euro vorenthalten – das wäre wahrlich legalisierter Lohnraub. Von den gesamtwirtschaftlichen Folgeschäden des Nachfrageausfalls durch Kaufkraftmangel ganz zu schweigen.

Arbeitszeit-Vielfalt

Gesetz, Kollektivverträge und Betriebsvereinbarungen ermöglichen Flexibilität und schützen die Arbeitenden vor der Willkür des Chefs. Unsere Arbeitswelt ist geprägt durch überdurchschnittlich lang arbeitende Vollzeitbeschäftigte (meist Männer), teils ungewollt kurz beschäftigte TeilzeitarbeiterInnen (meist Frauen) und Null-Erwerbsarbeitszeit für Hunderttausende. Arbeitslosigkeit ist die unsozialste Form der Arbeitszeitverkürzung, die durch verlängerte Arbeitszeit noch verschärft würde.

Bewährte Innovationen wie die kollektivvertragliche Freizeitoption, bei der die Menschen zwischen mehr Geld oder mehr Zeit wählen können, oder das bestehende Recht auf Elternteilzeit, weisen den richtigen Weg hin zu mehr Zeitsouveränität. Dazu beitragen könnten etwa auch ein Rechtsanspruch auf Bildungsfreistellung für alle oder ein Recht auf Wechsel zwischen Voll- und Teilzeit. In Norwegen gibt es ein Vollzeit-Rückkehrrecht aus der Teilzeit, zudem ein Vorzugsrecht von Teilzeitbeschäftigten auf Stundenaufstockung, wenn der Betrieb eine neue Vollzeit-Stelle ausschreibt.

 

„Verkürzung der Arbeitszeit ist ein Ziel an sich.“

 

Eine Angleichung der Stundenausmaße – eine kurze Vollzeit für alle –  fördert Gesundheit, Motivation und die Arbeitsfähigkeit der Menschen. Über eine generelle Verkürzung der Arbeitszeit will auch Bundeskanzler Kern mittelfristig nachdenken (Plan A). Sie reduziert zwar nicht automatisch die Arbeitslosigkeit, dazu muss sie durch andere Instrumente begleitet werden. Als Beitrag zu einer höheren Lebensqualität ist sie ein Ziel an sich. Und nicht zuletzt ermöglicht uns der technische Fortschritt ein Zeitalter der Freizeit in Wohlstand für alle mit 3-Stundentagen bzw. 15-Stundenwochen, so die Prognose von John Maynard Keynes Ende der 1920er Jahre. Die Verwirklichung dieser wirtschaftlichen Möglichkeit müssen wir erkämpfen. Damit (nicht nur) Emilie wieder mehr Kraft und Zeit für ihre Tochter hat.

 

 

Die Autorin: Bettina Csoka, Ökonomin, ist beim Kulturverein Willy engagiert und beruflich in der AK tätig.

 

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