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Zukunft ohne Arbeit?

4. April 2017

Zukunft ohne Arbeit?

Digitalisierung und Automatisierung – Perspektiven angesichts Arbeit 4.0

Der Wandel der Arbeit war schon immer geprägt vom Einsatz neuer Technologien. Aktuell beeinflusst die Digitalisierung Arbeitswelt und Privatleben in einer völlig neuen Weise. Zusammengefasst wird diese Entwicklung unter dem Schlagwort „Arbeit 4.0“.  Wir haben Univ.-Prof. Dr. Jörg Flecker über die Perspektiven und Auswirkungen befragt.

 

Sind durch die Automatisierung unsere Arbeitsplätze in Gefahr?

„In einigen Bereichen wird es starke Veränderungen geben. Manche Tätigkeiten werden von der Technik übernommen werden, nicht nur durch Maschinen oder Roboter, wie wir es in den letzten 20 Jahren auch schon beobachtet haben. Zum Beispiel dass Automobilkarosserien durch Roboter zusammengeschweißt werden und nicht mehr durch Schweißer, die dort arbeiten. Programme, Algorithmen und künstliche Intelligenz übernehmen Aufgaben, die früher von Menschen ausgeführt wurden. Die Austrian Airlines hat einen Chatbot in Betrieb genommen, wo KundInnen Anfragen stellen und diese werden von einem Programm beantwortet. Es gibt Programme, die einfache journalistische Artikel verfassen. Es werden Abläufe automatisiert werden, die früher recht eindeutig menschliche Arbeit waren.“


Kann man auf das Erfahrungswissen von Menschen verzichten?

„Die Digitalisierung greift sehr weit in verschiedenste Berufsfelder ein, dadurch wird gewisses Erfahrungswissen auf die Technik übertragen. Aber es entsteht immer neues Erfahrungswissen, weil ja Menschen mit dieser Technik weiter umgehen müssen.  Wir sehen jetzt, wenn Computerprogramme solche komplexen Produktionen steuern wie in der Papierfabrik oder in der Stahlproduktion oder in der Zuckerfabrik, dass die Beschäftigten trotzdem ein Gefühl für den Produktionsprozess, für den Stoff brauchen. Von einem neuen Technologieniveau entsteht wieder neues Erfahrungswissen und dann versucht man von diesen Beschäftigten wieder ein Stückerl unabhängig zu werden, das wieder zu automatisieren und so ist das eher eine Spirale, die sich weiter dreht, aber wo der Mensch  letztlich nicht überflüssig wird.“


Heißt Automatisierung der Arbeit auch, dass an die Beschäftigten ein höherer Qualifizierungsanspruch gestellt werden wird?

„Teils, teils. Teils wird die Technik so eingesetzt, dass die Arbeitenden eine höhere Qualifikation brauchen, das hat man in der industriellen Automation auch schon länger beobachtet. Gerade in den Papierfabriken haben die ArbeiterInnen mit zunehmender Technisierung dann ein höheres Niveau gebraucht. Zugleich hat man aber wieder mit dem Handschöpfen von Papier angefangen, weil man gesehen hat, die brauchen nicht nur das Computerwissen und das Wissen über Regelungstechnik, sondern sie brauchen auch ein Gefühl für den Stoff, der verarbeitet wird. Auf der anderen Seite gibt es aber auch mit Hilfe der Technik Strategien, Arbeit einfacher zu machen, abzuwerten, in dem Sinne, geistige Fließbandarbeit daraus zu machen. Beispiele dazu gibt es in der Sachbearbeitung, bei Call-Center Einsätzen und ähnlichen Tätigkeiten, wo dann immer mehr einfache niedrig entlohnte Tätigkeiten entstehen. Das hat nichts mit dem Computer zu tun, sondern das sind die alten Strategien, wie Arbeit organisiert wird, wie versucht wird, Arbeit zu verbilligen, wie versucht wird, von der lebendigen Arbeit, von den Arbeitskräften unabhängig zu werden, also der Kampf, den Karl Marx im 19. Jahrhundert schon beschrieben hat.“


Wir sind mittlerweile in vielen Bereichen mit ständiger Erreichbarkeit konfrontiert. Gibt es noch ein Recht auf eine Freizeit offline?

„Formal gibt es das Recht auf jeden Fall. Es gibt Ruhezeitenregelungen und es gibt Arbeitszeitregelungen und man hat ein Recht ein bestimmtes Ausmaß an Ruhezeit zu konsumieren und auf eine Begrenzung der Arbeitszeit. Man müsste nur klar dazu sagen, sobald man zu Hause ein dienstliches Mail liest oder schreibt, dass dies auch Arbeitszeit ist. Es ist jetzt nicht nur so, dass die Leute von ihren Vorgesetzten gezwungen würden, außerhalb der eigentlichen Arbeitszeit auch noch zu arbeiten, sondern das schaukelt sich so gegenseitig hoch und man fühlt sich selber vielleicht auch wichtiger, wenn man mitten im Urlaub auch erreichbar ist. Das ist eine relativ komplexe Geschichte, aber trotzdem dürfen die Einzelnen damit nicht allein gelassen werden.  Die sind ja in einer Dynamik drinnen, sind in Konkurrenz mit anderen, haben vielleicht Angst um ihren Arbeitsplatz, suchen eine Gelegenheit, sich wichtig zu machen. Das sind ja alles gesellschaftliche Bedingungen und soziale Beziehungen.“

„Es liegt auf der Hand, die verbleibende Arbeit zu verteilen.“


Welche Chancen bietet Automatisierung, was sind Antworten darauf?

„Es wäre eine Chance unangenehme, gesundheitsschädliche, gefährliche Arbeiten zu automatisieren und von diesen wegzukommen. Wie kann man zB die Technik einsetzen, dass die gesundheitsschädliche Nachtarbeit weniger notwendig ist. Da sollte man sich gesellschaftlich überlegen, welche Arbeiten wollen wir loswerden und welche nicht. Ich glaube, da gibt es viel Potential für eine Humanisierung der Arbeit.

Wenn man sieht, wie hoch die Arbeitslosigkeit aktuell ist und welche Möglichkeiten jetzt technisch gegeben sind, Arbeit noch einzusparen, dann liegt es eigentlich auf der Hand, dass die verbleibende Arbeit auf mehr verteilt werden sollte. Weil nicht zu erwarten ist, dass das Wachstum so zulegt, dass man alle Leute wirklich so lange braucht, ist eine Arbeitszeitverkürzung notwendig, um die Arbeitslosigkeit zu verringern.“

 

Dr. Jörg Flecker ist Universitäts-Professor für Allgemeine Soziologie am Institut für Soziologie der Universität Wien und beschäftigt sich mit den Auswirkugen von Digitalisierung und Automatisierung der Arbeitswelt.

Foto: Alexander Schwarzl

 

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